Gründung

Im Juni 1977 haben sich 12 KünstlerInnen von der Grazer Sezession getrennt und die Gründung einer neuen Künstlervereinigung angekündigt. Daraus bildete sich die Gruppe 77. Zu diesen 12 “Dissidenten” sind zahlreiche weitere KünstlerInnen hinzugekommen, sodass die Gründungsgruppe insgesamt 29 KünstlerInnen umfasste.

Gründung der Gruppe 77 beim Kogelweber

Gründungsmitglieder

Ehrenmitglied:
Univ. Prof. Dr. Hanns Koren

KünstlerInnen:
Amtmann Siegfried
Bischoffshausen Hans
Fabian Emma
Fabian Gottfried
Elfen Fria
Frenken Wil
Fruhmann Johann
Hauer-Fruhmann Christa
Hauser Peter
Hirschbäck Richard
Kiffmann Dietmar
Lackner Erwin
Lojen Gerhard
Lojen Erika
Moswitzer Gerhardt
Oviette Vevean
Penker Ferdinand
Rahs Wolfgang
Reisinger Klaus
Temmel Edith
Trinkl Karl Jürgen
Widtmann Heimo

Aktive der Gruppe 77 (außer den KünstlerInnen):
Breisach Emil
Eder Rosemarie
Eder Walter
Nichols Herbert
Rubinig Richard

Die Kunst im Zeitalter ihres Experimentierens – Plädoyer für die Vielfalt

Erwin Fiala, 2005

Im Jahre 1977 wurde in Graz die „Gruppe 77“ geboren – in Form einer Abspaltung von der Grazer Sezession. Und im Jahre 1979 schrieb der französische Postmoderne-Philosoph Jean-François Lyotard „La philosophie et la peinture à l´ère de leur expérimentation“ für die National Gallery of Canada. Was sollten diese allein schon geographisch weit auseinander liegenden Ereignisse miteinander zu tun haben? Möglicherweise war einem der KünstlerInnen der Gruppe 77 damals schon der Name dieses Philosophen bekannt, wenig wahrscheinlich aber, dass der Herr Philosoph die KünstlerInnen der Gruppe kannte. Und dennoch scheint etwas Verbindendes bestanden zu haben – nämlich die Wahrnehmung einer bestimmten Verfassung der Kunst bzw. ihrer geschichtlichen Logik. Da ist es unerheblich, dass die einen praktizierende KünstlerInnen waren und damit mehr oder minder „inmitten“ des Geschehens standen und der Theoretiker (wie es eben für Theoretiker üblich ist), der kunstimmanenten theoretischen Reflexion noch einen metatheoretischen Reflexionsdiskurs „aufsetzte“ – man reagierte auf je eigene Art und Weise auf eine ganz bestimmte und sehr ähnliche Wahrnehmung der Situation in der Kunst.

Die klassischen Avantgarden schienen zunehmend zu “zersplittern”, drohten sich in individuellen Stilen zu vervielfältigen – wirkten zunehmend heterogen, teilweise spielerisch, oft auch zu ernsthaft, zu “tiefgehend”, zu hermetisch, zu abstrakt, vielleicht sogar schon ästhetizistisch. Auf der anderen Seite standen neue künstlerische Strömungen wie die Pop-Art, Aktionismus, Happening, Medien- und Konzept-Kunst etc. mit jeweils expliziten gesellschafts- und medienkritischen Ansätzen oder eine (resignative) Abkehr von der abstrakten Kunst in einen meist nur scheinbar innovativ-progressiven Neuen Realismus wie jenen der so genannten „Neuen Wilden“.
In dieser Situation scheint die Gründung der Gruppe 77 vor allem einem Impuls gefolgt zu sein: Offenheit gegenüber neuen künstlerischen Strömungen zu praktizieren, ohne das „Gedächtnis“ und Erbe der klassischen Avantgarden kunststürmerisch über Bord zu werfen. Im Gegenteil, dieses Erbe – ob in kunstimmanenter Auseinandersetzung und Verarbeitung oder in gesellschaftskritischer Hinsicht – sollte (musste aber nicht) jene Bausteine zur Verfügung stellen, die in die jeweils individuellen künstlerischen Ausdrucksformen als Repertoire eingingen. In diesem Sinne erweisen sich die Exponate der KünstlerInnen der Gruppe 77 nicht als Werke, die einer eklektizistischen Beliebigkeit entsprechen, sondern als reflektierte Arbeiten mit älteren und neuen Ausdrucksmöglichkeiten.
Noch in der jetzigen Ausstellung wird man auch in aktuellen Arbeiten auf „Spuren“ dieser klassischen (abstraktiven) Avantgarden (Informell, Tachismus, abstrakter Expressionismus, Minimalismus etc.) treffen, Spuren, die sich in der persönlichen Gestaltungskraft der einzelnen KünstlerInnen präsentieren, in individuellen, ja experimentellen Aneignungen und Verarbeitungsprozessen. Auf der anderen Seite finden sich Exponenten konstruktiver und konzeptueller Ansätze, der Objektkunst, des Environments, sogar einer „meditativen“ Objektkunst, aber auch des expressiven Realismus der 80iger und der gesellschaftskritischen Medienkunst. In dieser Ausstellung der Gruppe 77, die hier nicht einmal zahlenmäßig vollständig repräsentiert ist, finden sich Wurzeln und eine Geschichtlichkeit der Werke, die bis weit in das 20. Jahrhundert reichen und trotzdem verlieren diese Arbeiten nichts von ihrer künstlerischen Aktualität und Bedeutung.

Die Gruppe der 77er hat keine Programmatik, die sie auf eine künstlerische Stilrichtung, auf ein künstlerisches Medium allein einschränken und begrenzen würde. Ihre praktizierte Programmatik ist jene der Offenheit und Aufnahmebereitschaft von Neuem, der Integration neuer Impulse in die jeweils eigene Arbeit, aber ohne die eigene (Kunst-)Geschichte zu vergessen. Eben in diesem Sinne stellte und stellt sich die Gruppe 77 der Kunst-Situation seit den späten 70iger Jahren, die schlicht eine des „Experimentierens“ ist, eines Experimentierens im Sinne immer wieder von Neuem unternommener Versuche künstlerischer Gestaltung. „Man erforscht Vermögen des Empfindens und Phrasierens, des Sätzebildens bis an die Grenzen des Möglichen; man erweitert das Empfindend-Empfindbare und das Sagend-Sagbare; man experimentiert (…) Die Kunst besteht heute in der Erkundung von Unsagbarem und Unsichtbarem (…) Die Vielfalt der künstlerischen „Aussagen“ wirkt Schwindel erregend (…) Gerade durch ihre Zerstreuung kommt die Kunst jedoch dem Sein als Vermögen des Möglichen gleich.“ Derart hatte es Jean-François Lyotard im entfernten Kanada beschrieben, aber so scheinen es die „77er“ etwas früher bereits empfunden zu haben und bis heute zu praktizieren. Aufgabe und „Sinn“ der Kunst ist weniger denn je die Schaffung restriktiver Kanons, fester Stilbegriffe oder gar metaphysischer Positionen dem Sein oder etwas bescheidener der Gesellschaft gegenüber, Aufgabe der Kunst ist die Sensibilisierung für das (noch) nicht Wahrgenommene, (noch) nicht Gesehene, (noch) nicht Gedachte …

Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der ausgestellten Kunst-Objekte mag vielleicht den Eindruck der Heterogenität ergeben – sie entspricht aber der beabsichtigten Pluralität und Polyphonie der Gruppe, die eben nicht zu einer indifferenten „Einheit“ gleichgeschoren werden darf und dies auch nicht will. Diese explizite Pluralität entspringt dem künstlerischen Erfordernis zur experimentellen Öffnung, zum Ausloten künstlerisch, gestaltender Möglichkeiten im abstrakten wie auch gegenständlich-konkreten, im konzeptuellen oder auch aktionistischen Sinne. Spätestens seit den 70iger Jahren ist die Situation der Kunst eben eine des Experimentierens, der Versuche und Versuchungen mit bestehenden und neuen Mitteln des künstlerischen Gestaltens, um die möglichen Welten und Wirklichkeiten zu entwickeln – Wirklichkeiten des Abstrakten, Expressiven, Geometrischen, des Materiellen, des Gegenständlichen wie des Emotionalen, des Konstruktiven und Konzeptionellen, des Sehens, Wahrnehmens und Gewussten, des Einfachen und Komplexen …

KUNST UND ÖFFENTLICHKEIT

von Hans Bischoffshausen, 1979

  1. Kunst ist laut Bischoffshausen der Versuch den INNEREN WIDERSTAND gegen ÄUSSERE NÖTIGUNGEN zu HARMONISIEREN.
  2. ÖFFENTLICHKEIT, was Kunst betrifft, ist gar keine Öffentlichkeit, sondern eine hermetisch-elitäre 2% Minderheit der Öffentlichkeit.

Die Berieselung durch Medien, wie Film, Presse, TV, Planung und Architektur, Festspiele, Subventionen und Förderungen u.v.a.m. hat das prozentuale Verhältnis zwischen potenzieller und passiver Öffentlichkeit nicht ändern können, denn die Trägheit, gegeben durch das Bildungsgefälle, ist ein der spätkapitalistischen Gesellschaft innewohnendes Gesetz.
Laut optimal durchgeführter Statistik in Deutschland und Frankreich, besteht der kunstoffene Prozentsatz der Öffentlichkeit aus marginalen Außenseitern der studentischen Jugend und liberalen Intellektuellen bestimmter kultivierter Sensibilität und Mentalität. Diese objektiven Bedingungen begrenzen den möglichen Impakt und nur innerhalb dieser Grenzen kann eine akzentuierte Tätigkeit der Gruppe 77 sinnvoll sein.
Wie die internationalen Erfahrungen der Jahre 1968 – 1970 gezeigt haben, ist die radikale Abkehr vom gängigen Kunstbetrieb ebenso danebengegangen, wie der Versuch die etablierten Medien rechts oder links überholen zu wollen.
Da sich aus genannten Gründen eine missionarische Tätigkeit in die Breite verbietet, empfiehlt es sich heutzutage noch (nicht nur im steirischen Herbst) punktweise Aktionen zu provozieren um nicht im leeren Raum ästhetischer Problemchen zu vereinsamen.
Also etwa: INTERN. Freiwillige Aufhebung der Informationssperre. Arbeitsmeetings periodisch fortsetzen. Einrichtung eines provisorischen Archivs, wie Zettelkasten mit Tipps und Statements zur Kulturaktualität und Arbeitsbiographische Auskünfte beziehungsweise Dokumentation. Mappenwerke auflegen, etwa wie CIRCULATION.
EXTERN. Enge Verbindung mit sympathisierenden Medien und Publizisten. Periodisches Informationsblatt. Gesprächsforum der Gruppe anlässlich aller Aktionen. Tipps extern. Arbeitsteilung. (Überregional und Auslandsverbindungen, Stipendien, Seminare, Wettbewerbe, Gemeinschaftsreisen etc.)
Stiftung eines oder mehrerer Preise für KünstlerInnen unter 25 von einem Sparkonto der Gruppe. Sponsorships.