2013 Buch “KUNST – INDIVIDUUM – GRUPPE” – 35 JAHRE GRUPPE 77

Web_Buch_Titelseite_G77-kleinGemeinsame künstlerische Positionen einer Künstlergruppe seit 35 Jahren
2013 Graz, edition keiper, D/E, 344 Seiten. Preis: 29,90 Euro
ISBN 978-3-902901-07-1

Die KünstlerInnen-Gruppe 77 bilanziert ihr 35-jähriges Bestehen in einer ausführlichen Dokumentation der Arbeiten seit ihrer Gründung im Jahre 1977. In dieser umfassenden Publikation nehmen die KünstlerInnen selbst zum Phänomen Gruppe 77 in Wort und Bild Stellung und haben aus diesem Anlass darüber hinaus zahlreiche AutorInnen dazu eingeladen, ihre Sichtweisen zur Bedeutung der Gruppe 77 zu schreiben. Es sind die AutorInnen Erwin Fiala, Luise Kloos, Peter Pakesch, Herbert Nichols-Schweiger und Walter Titz.

Gemeinschaftsarbeiten, Gruppen- und Ausstellungsprojekte und Manifeste sind ebenso dokumentiert wie auch die 20 Jahre dauernde Aktion „Kunst auf Zeit“, wo die Gruppe 77 junge und arivierte KünstlerInnen einlud, Plakatwände im öffentlichen Raum zu gestalten. Die Gruppe 77 stellt sich nach wie vor den unbequemen Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung und des damit verbundenen ästhetischen Ausdrucks.

In Erinnerung an Gottfried Fabian, dem Initiator der Gruppe 77

Gruppe 77 – Bilanz und Zukunft

für Gemeinsames

Luise Kloos

Das Bestehen der Gruppe 77 seit 1977 verführt zur Rückschau, zur Bilanzierung, zur Reflexion und zur Evaluierung, aber auch zu einem Blick in die Zukunft. Alles begann mit Neuorientierung, Protest gegen bestehende Zustände und Überwindung von Traditionen. Die Hinwendung zum Experimentellen, die Suche nach dem Neuen, die Orientierung nach Qualität, die Auseinandersetzung mit theoretischen und gesellschaftskritischen Fragen waren und sind die Philosophie. Dies alles als Gruppe. In der Überwindung des eigenen schöpferischen Wollens, im Sinne des egoistischen Denkens verlangt eine Gruppe den Altruismus, die Rücksichtnahme und zugleich die Fokussierung auf den gemeinsamen ästhetischen Nenner. Es ist ein Ringen, ein prozesshaftes Entstehen und verlangt zugleich die unbedingte Übereinstimmung gemeinsam etwas schaffen zu wollen. Die Gruppe 77 besitzt Modellcharakter in einer Zeit des Individualismus und vor allem des singulären Künstlertums. Die Gruppe 77 ist aber auch ein Ort der Beständigkeit und der Nachhaltigkeit, sind doch etliche Gründungsmitglieder nach wie vor wesentlicher Teil der Gruppe. Dieser Geist der Gruppe, den die Gründungsmitglieder definierten, ist zeitlos und auch heute gültig. Die Herausforderung des gruppendynamischen Geschehens ist es, sich stets den jungen und neuen KollegInnen zu öffnen. Diese bringen die Bereitschaft mit, sich dem Geist der Gruppe anzuschließen, sich den gesellschaftskritischen Fragen zu stellen und die gemeinsamen Projekte mitzugestalten.

Die meisten Menschen, bewusst oder unbewusst, fühlen sich den Verhältnissen ausgeliefert, die schließlich zur Vernichtung ihrer Innerlichkeit führen. „Dieses Ohnmachtsgefühl hat zwei Aspekte. Der erste Aspekt bezieht sich auf die bestehenden Machtstrukturen, insofern sie keine echten Möglichkeiten des Mitgestaltens zulassen. Das in dieser Hinsicht ein immer klareres Bewusstsein und auch der Wille daran etwas zu verändern entstanden ist beweisen die vielen alternativen Initiativen. Auch ich sehe darin einen Weg zur Überwindung, eben der Machtstruktur, die man als Parteien- oder Funktionärsdiktatur bezeichnen kann. Hier ist aber etwas Wesentliches zu beachten. Was nützte uns nämlich eine Mitwirkung möglichst aller Menschen, wie sie auch mit Recht gefordert wird, wenn diese Menschen keine vernünftigen Lösungsmodelle, also Ideen erarbeitet hätten.“ (Josef Beuys: Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle. 1978, Seite 247) .

Die Gruppe 77 konzentriert sich auf das Ausarbeiten gesellschaftsrelevanter und zukunftsweisender Ideen. Durch regen Austausch und Diskussion und die unterschiedlichen Einsichten in die Fragestellungen seitens der einzelnen Mitglieder werden gemeinsame ästhetische Lösungen entwickelt.

Der Diskurs und das Experimentelle sind die wesentlichen Faktoren des Arbeitsprozesses. Die Gruppe 77 stellt sich, heute wie damals, auch der Generationenfrage. Sie entwickelt laufend neue Formate, um junge KünstlerInnen zu fördern und zur Mitarbeit einzuladen. Damit reagiert die Gruppe auf eine sich stetig verändernde Zeit und die damit verbundenen Bedürfnisse. Im theoretischen und ästhetischen Dialog und durch die Begegnung wird das Bewusstsein für die zukünftigen Fragen von Zeit und Gesellschaft geschärft. Im künstlerischen Arbeitsvorgang ist es für die Gruppe allererste Priorität ihr Schaffen nicht an kapitalistischen Ideologien auszurichten, sondern im Gegenteil, das entstehende Werk ausschließlich nach ethischen und ästhetischen Kriterien zu entwickeln.

Obwohl die Gruppe wesentlich zum zeitgenössischen Kunstgeschehen in der Steiermark beitrug, verlor sie durch die Abspaltung von der damals herrschenden Kunstauffassung die seinerzeit erworbenen Rechte, im Künstlerhaus auszustellen. Die Arbeiten der Gruppe 77 konnten auch international positioniert werden. Sie beziehen sich stark auf den öffentlichen Raum und die Suche nach adäquaten Räumen für die Umsetzung der Ideen ist eine ständige Herausforderung. So kämpft die Gruppe 77 einerseits gegen die Ignoranz des Establishements innerhalb des Kunstbetriebes vor Ort und zählt andererseits viele Förderer und Unterstützer, national wie international, zu ihren Freunden.

„Die Grenzauslotung der Avantgarden hat sich erschöpft, das spielerische Moment der Postmoderne hat Gattungen und theoretische Zugänge von Wertzuschreibungen frei gemacht. Malerei ist heute eine ebenso zeitgenössische Methode der künstlerischen Analyse wie Interventionen im sozialen Raum oder konzeptuelle Ansätze. Spannend ist es, wie die Entwicklung weitergehen wird. Gerade junge KünstlerInnen interessieren sich wieder für grundsätzliche Fragestellungen, kunstimmanente wie gesellschaftspolitische.“ (Astrid Kury)

Die zukünftigen Weichen sind gestellt, um die Herausforderungen der Zeit aufzugreifen und künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. Die Gruppe 77 wird damit weiterhin ein pulsierendes Kunstnetzwerk in der Steiermark und im internationalen Kontext sein.