2012 one two

Jahresgaben im Zwiegespräch
Zeichnungen im Dialog anlässlich des 35-jährigen Bestehens der Gruppe 77
1977 – 2012

 

Bemerkungen zur Jahresgabe der etwas anderen Art
von Siegfried Amtmann

Erkennungszeichen der Gruppe 77 sind das gemeinschaftliche Bedürfnis zu bilden und zu formen, mit Veraltetem zu brechen und mit Widerschein zu antworten, Realpräsenz und Kritik zu artikulieren und zu visualisieren. Gemeinsam erarbeitete Projekte prädominieren gegenüber individuellen biografischen Interessen und Aktivitäten.
Seit der Gründung im Jahre 1977 erhalten die ca. 80 Mitglieder nach Ende eines Vereinsjahres jeweils eine Jahresgabe, bisher meist in Form eines druckgrafischen Werks einer Künstlerin oder eines Künstlers der Gruppe.
Bei der aktuellen Jahresgabe handelt es sich um koproduzierte Grafiken, intendiert als lineare Gebilde mittels Stift, Feder oder Pinsel auf Papier, Marke Fabriano, Format 30,5 x 45,5 cm.
Das im ehemaligen Arbeitstitel Dialog (Ausstellungstitel „one two “) bezeichnete Vorhaben ist vom Vereinsvorstand so konzipiert, dass jeder Bildner/jede Bildnerin auf acht Blättern jeweils die erste zeichnerische Aktion setzt, und ein Zweiter/eine Zweite reagiert wiederum auf acht, durch Losentscheidung erhaltene Arbeiten.
Dieser Vorschlag erhält allseits Zustimmung, nur zwei Künstler verzichten auf ihre Mitarbeit. Darauf folgt die Einsicht, dass das dialogische Verhältnis in einer Gruppe nicht immer in voller Gegenseitigkeit stehen kann oder muss.
Gewisse Bedenken werden am Innovatorischen des Vorhabens geäußert. Man kenne Methoden wie Dialogisches Malen; Zeichne weiter! Male weiter! u. a. m. aus der Kunsttherapie und Kunstpädagogik, sowie aus gruppendynamischen Laboratorien. Diesem Einwand wird der Satz von J. Beuys „Kunst ist ja Therapie!“ entgegengehalten, ebenso wie die Tatsache, dass eine Vielzahl von Künstlern auf diese oder jene Weise zusammengearbeitet hat: G. Lojen mit H. Bischoffshausen, P. Weibel mit V. Export, A. Rainer mit D. Roth und J. Hauser und nicht zuletzt G. Brus mit A. Rainer, Ch. L. Attersee, H. Nitsch, D. Roth, O. Wiener, E. Fuentes, J. Schlick und W. Becksteiner.
Weiters fragt man sich, ob „Dialog“ wohl die angemessene Bezeichnung für das Projekt sei, denn mit diesem Begriff verbinde man vor allem den „Dialog der Religionen“. Dies trifft insofern zu, weil bei allem, was unter positiver Begegnung des Menschen mit einem Gesprächspartner und der Suche nach gelingendem Menschsein zu verstehen ist, es letztlich, besonders deutlich bei Martin Buber, auch um die Begegnung mit Gott geht.
Zur abgegriffenen Münze wird der Begriff, wenn zwischen den PartnerInnen ein asymmetrisches Verhältnis herrscht, wo man nur Zugang hat, wenn man sich durch den Anderen vorgeladen findet, wo das Du zum Es wird (Sartre), und das nicht nur in den objektivierenden Wissenschaften und der Technik, sondern im täglichen Umgang von Menschen miteinander.
Geht man schließlich davon aus, dass das Zeichnen und Malen auch eine Art von Sprache ist, dann wäre angesichts der „fertigen“ Jahresgaben der aktiven KünstlerInnen der Gruppe 77 eine „neutrale“ Erfassung oder Beurteilung wohl kaum möglich. Inwieweit das eine oder andere Werk jemanden in einem Zustand der Inspiriertheit (Paul Valèry) zurücklässt, kann und möge zu diesem Zeitpunkt nicht referiert werden. Aber einem Akteur/einer Akteurin der Gruppe bleibt es unbenommen zu beurteilen, wie gelungen man die „Reaktion“ des Partners/der Partnerin hält.
Wertungen, vor allem unter gestaltpsychologischem Aspekt, sind offensichtlich: Wie steht es um die Einheitlichkeit der Gestaltung als Bildganzes, die gegenseitige Ausgewogenheit der Bildzeichen, die Handschrift und den Duktus, die Formelemente, die Ausbildung von Formzusammenhängen, die Einordnung in die Blattfläche, alles, was für die Begutachtung der Formqualität und für die Deutung der Formintentionen relevant ist. Hinzu kommt letztlich die Frage: Wird diese oder jene Arbeit dem hohen Anspruchsniveau gerecht? Ist innovatives Entdecken oder Erforschen realiter ersichtlich? Aber die Rezeptionsphase (Kontrolle/Kritik) findet in der Gruppe explizit nicht statt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die TeilnehmerInnen am Projekt die Gelegenheit hatten ihren Blickpunkt bildnerisch zu artikulieren und auf die Arbeit eines Kollegen oder einer Kollegin angemessen zu reagieren. Bleibt die Frage, ob sich darüber hinaus für den einen oder anderen auch die Möglichkeit eröffnet hat, seine Haltung zu überdenken oder vielleicht sogar zu verändern.
Peter Handke bringt auf den Punkt, was meiner Meinung nach eine wesentliche Voraussetzung für eine vielleicht „gelingende“ Beziehung ist, und das könnte auch auf die Gruppe 77 zutreffen: Ja, habt ihr nicht bemerkt, dass eigentlich nur Platz ist für den, der selbst den Platz mitbringt?

Teilnehmende KünstlerInnen:
Gemeinschaftsarbeiten von
Siegfried Amtmann
Fria Elfen
Lis Gort
Peter Hauser
Peter Janach
Hans Jandl
Luise Kloos
Erwin Lackner
Erika Lojen
Aurelia Meinhart
Heribert Michl
Alois Neuhold
Ingeborg Pock
Wolfgang Rahs
Claus Reschen
Werner Schimpl
Edith Temmel