1997 8×8

Gruppenbild mit Freunden

 

Basis dieser Arbeit ist das Anliegen, KünstlerInnen und FreundInnen der Gruppe 77 in einer Ausstellung zu versammeln. Nach vielen Gesprächen kamen wir zu dem Ergebnis, das wir Ihnen hier und heute vorstellen: eine Exhibition mit dem Titel 8×8. Alle TeilnehmerInnen waren gebeten, ein Foto aus ihrem persönlichen Umfeld einzusenden. Von diesem Foto wurde der größtmögliche quadratische Ausschnitt digitalisiert und in 8×8 Pixel aufgelöst. In jedem Pixel erscheint die durch einen logarithmischen Rechenvorgang aus 32.768 Möglichkeiten ermittelte dominante Farbe des jeweiligen Feldes im Druck.

Das Resultat sind 51 Tafeln mit 8×8 Parzellen innerhalb eines 64×64 cm großen Quadrats.

Auf den ersten Blick bewirkt das Irritationsmoment, dass zunächst jede/r TeilnehmerIn sein Bild und – damit den Spiegel seines Selbst – sucht. Und was sieht er nun wirklich? Eine Ausstellung von Bildern, die einige Gemeinsamkeiten wie Größe, Form, innere Struktur etc. aufweisen. In der Digitalisierung auf eine kleine Pixelmenge entschwinden dem Auge alle fließenden Übergänge und alle illusionistischen Räume. Durch die Transformation in eine zweidimensionale Abstraktion sind alle Feldbegrenzungen scharf und verlaufen in einem quadratischen Gitter. Darüber darf man jedoch nicht vergessen, dass hinter diesem sichtbaren Ordnungssystem letztlich ein Kreis von Menschen steht, denen Verbundenheit, aber auch Verschiedenheit eignet. Alle sind sie Teile eines farbigen Spiels geworden, feierlich, ernst oder heiter.

8×8 Felder hat auch das Schachbrett, auf dem die Figuren nach festen Regeln bewegt werden. Doch schon hier wird die Ausnahmslosigkeit von der Regel hinterfragt, steht doch die weiße Dame links, die schwarze rechts von ihrem König. Im Aufbrechen überkommener Dogmen gründet alles Fortschreiten, in der Kunst wie im Leben. Lewis Carroll führ uns hinter den Spiegeln eine Schachpartie vor mit phantasievoll umbenannten Figuren, in der er das strenge Regelgebäude unterläuft und in der die weiße Königin in einer Terrine landet, bevor Alice mit dem letzten Zug die schwarze Königin schlägt und so das Spiel gewinnt.

Der im Dogmenbruch intendierten Veränderung begegnen wir in einem der ältesten Codices, dem chinesischen I-Ging, dem Buch der Wandlungen. Zusammengesetzt aus 3 gebrochenen und/oder ungebrochenen Linien formen sich die 8 Urzeichen der Trigramme, die in ihren Kombinationen 64 Hexagramme ergeben. Sie sind die Bilder, die dem Fragenden die Antworten des Orakels übermitteln. Wie sehr auch sie dem Wechsel unterliegen zeigen starke und schwache Linien, deren erstere sich aus den Zahlen 7 und 8 des Münzwurfs, und letztere aus den Zahlen 6 und 9 ergeben. Die schwachen, das heißt, die aus den Extremen resultierenden Linien wandeln sich wieder, sodass ein neues Bild mit veränderter Bedeutung entsteht.

Die Grenzpositionen der 64 Hexagramme sind Zeichen aus 6 jeweils gleichen Linien: ungebrochene bauen Kiën, das Schöpferische, den Himmel, das absolute Gute auf, gebrochene Kun, das Empfangende, die Erde, den Beginn. Dazwischen liegt das wandelbare, individuelle Leben des Menschen.

Und schließlich sind auch in seinem Mikroorganismus die genetischen Codes der Chromosomen aus 64 DNS-Mustern verflochten.

In der Ausstellung sind die Bilder entsprechend dem Eintreffen ihrer Zusendung gehängt. Alle enthalten sie in den Festschreibungen von Sekundenbruchteilen Geschichten, die sich hier einmalig zu einer zusammenfügen. Zwar wiederholt sich in den Exponaten der 8-teilige Flächenraster, die Bilder aber bleiben eigenständig wie ihre Ausgangsmotive, die in der gleichen Abfolge über einen Bildschirm ablaufen.

Auch eine Gruppe wie die 77er ist dem steten Wandel unterworfen, der ja nichts anderes ist als das Prinzip ständiger Erneuerung. Für ihre KünstlerInnen was es immer von Bedeutung, sich mit den FreundInnen nicht nur über die materielle Ebene zu verständigen, wie etwa gemeinsame Reisen bestätigen. Hier geht es um mehr. Erlauben Sie mir, mit einem Wort aus Michel de Montaignes Essay Von der Freundschaft zu schließen, mit dem er das Idealbild einer solchen Beziehung umreißt:

„Im Übrigen ist das, was wir gemeinhin Freund und Freundschaften nennen, nichts weiter als Bekanntschaften und Vertraulichkeiten, die durch irgendwelche Anlässe und Bequemlichkeiten angeknüpft sind, mittels derer sich unsere Seelen miteinander unterhalten. In der Freundschaft, von der ich spreche, mischen und vereinigen sie sich beide in dermaßen völliger Verschmelzung, dass sie ineinander aufgehen und die Naht, die sie verbindet, nicht mehr finden. Wenn man in mich dringt, zu sagen, warum ich ihn liebe, so fühle ich, daß sich dies nicht aussprechen läßt, ich antworte denn: Weil er er war; weil ich ich war.“

Text von Gerhard Lojen

Dokumentation:
Plakat
Karte