1993 Movimento

Eine Installation der Gruppe 77 Graz, anlässlich des Kongresses der Akademie Graz
DISSONANZEN IN EUROPA
DER NEUE NATIONALISMUS UND SEINE FOLGEN
15. bis 19. Mai 1993, Karl Franzens Universität Graz, Hörsaal A

Kapitel 1
Das Bewusstsein des Fortschritts ist ein Produkt der Technik. Sich im Uhrzeigersinn zu drehen oder schneller zu sein (als andere), hat zu einem grandiosen Irrtum geführt: zu glauben, wir seien auch menschlich weitergekommen.
Diese Scheibe lässt uns vom anvisierten Ziel abkommen. Sie verschiebt uns. Weil sich unter uns die Welt verändert. Weil sie fortschreitet wie wir selbst.
Die einen könnte die Idee überfallen, die Geschwindigkeit der Scheibe zu übertreffen, die erklärte Absicht ihrer Schöpfer rechts zu überholen. Die anderen wiederum könnten dieser geplanten Bewegung Widerstand entgegensetzen und demonstrativ nach links marschieren.
Am schwersten wird es sein, soviel Opposition zu erzeugen, dass man im aufrechten Gang dort ankommt, wo man zu landen vorhatte; dazwischen aber dem Fortschritt heiter und gelassen kurzweilig nachzugeben, um am Ende nicht hinter dem eigenen Ziel zurückzubleiben.

Kapitel 2
Nach der zentraleuropäischen Revolution von 1989 hat die Welt geglaubt, Mephisto sei besiegt. Auf den Medienwolken erschallte aus den Posaunen der Modeengel die Triumphmusik der Götzen. Faustischer Kapitalismus, welch Kraft der Dichtung.
Die Herzen schlugen schneller, weniger aus mutbewegter Freude, mehr aus Stress ob der geschäftlichen Risiken. Die Uhren gingen selbst bei den NachbarInnen schneller, denn das digitale Zeitalter der westlichen Freiheit schien sich über den Osten gelegt zu haben.
Inzwischen bemerkten wir auch da: Wir haben andere Uhrwerke, neues Material, vor allem ganz raffinierte Verpackungen. Die Zeit selbst hat sich nicht geändert, die Ziffern sind dieselben geblieben, die Mondschatten legen sich wie eh und je auf diese Erde.
Mephisto hat die Kleider gewechselt und seinen Pass getauscht.

Kapitel 3
Ein Ratschlag: Am besten, Sie betreten diese Scheibe überhaupt nicht. Am besten, Sie verschonen diese Welt. Denn Sie ersparen sich Irritationen, Sie verzichten auf jegliche Anstrengung, Sie vermeiden eine unsichere Zukunft.
Vor allem aber: Bleiben Sie wo Sie sind, nämlich vor, unter, über, neben dieser Scheibe. Denn ein Mensch zuviel könnte bereits ein Unglück sein. Einer oder eine wie Sie könnte jener Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Wenn Sie, obwohl mehrfach und eindringlich gewarnt, diese Welt trotzdem betreten und am Ende von Ihrem ordentlichen Lebenswandel abkommen, ist Ihnen nicht zu helfen.
Richten Sie sich deshalb und von vornherein drauf ein, als Flüchtling zu enden (weil Sie ihre Heimat nicht mehr finden), als Dissident (weil Sie für Außenstehende den geraden Weg verlassen haben), oder als Narr (weil Sie sichtbar gegen Unsichtbares anrennen).

Text von Gerfried Sperl

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