1989 Künstlerhaus 1

Nicht gerade aus den Angeln gehoben, aber um neunzig Grad gedreht und rot ins grüne Feld gestellt: das skelettierte Abbild eines traditionsreichen Kunstraumes in Graz.

 

Das Muster, der Grundriss des 1952 errichteten Künstlerhauses, entspricht dem Urbild eines Kirchenraumes. Wohl nicht zufällig. Gerade in den achtziger Jahren provozierte der Rückzug der Kunst in die inszenierten Depots der Museen neue Kultstätten in Konkurrenz zur Kirche. Eine umfassende Diskussion dieses neuen Kulturverhaltens brachte vor rund zwei Jahren die Zeitschrift „Kunst und Kirche“ (1/87) auf den Plan. Einer der Autoren, Lothar Kallmeyer, zitiert hier aus Marinettis Futurismus-Manifest von 1909: Museen: Friedhöfe!… Wahrlich identisch in dem unheilvollen Durcheinander von vielen Körpern, die einander nicht kennen… Museen: Absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer…Einmal im Jahr mögt ihr dahin pilgern, wie man zu Allerseelen auf den Friedhof geht… Und Kallmeyer ortet – praktisch am Ende der von den italienischen Futuristen vorgetragenen achtzigjährigen Glaubensgeschichte des Fortschritts – die Museen als säkularisierte Kultstätten mit überraschend inszenierten Freizeitangeboten (W. Pehnt). Und er erinnert an die Renaissance des Kirchenbaus in den fünfziger Jahren, die in den Achtzigern von einer Renaissance der Museumsbauten abgelöst wurde und Kunst als neuen metaphysischen Wegweiser inaugeriert hat. Die Gemeinsamkeit der Vorstellungen zu Kirche und Museum als Ort der inneren Sammlung ist zumindest eine der möglichen Perspektiven dieses Projekt der Gruppe 77 nachzuvollziehen. Doch wird die Kontur schärfer und das rotbegrenzte Spannungsfeld sinnstiftender, wenn dieses symbolische Ausschwenken eines vorbestimmten Innenraumes nach Draußen als der Versuch einer Neudefinition dieses speziellen Ortes akzeptiert wird.

Da geht es einmal um die Geschichte des bislang einzig relevanten Ausstellungsraumes für bildende Kunst in Graz – als Sammelpunkt der Grazer Kunstvereine, aber auch als Ort der öffentlichen Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. Es geht um die Geschichte der hier hervortretenden Künstlergruppe selbst, die 1977 aus der 1923 gegründeten Grazer Sezession ausscherte – wie übrigens schon 1959 Günter Waldorf die Sezession verließ und mit seiner „Jungen Gruppe“ das Forum Stadtpark eröffnete.

Ein Höhepunkt in der Geschichte dieses Kunstraumes am Grazer Burgring war zweifellos dessen Über- und Umbauung durch die Architekten Günther Domenig und Eilfried Huth im Jahre 1967. Als Erlebnisarchitektur der ersten, von Wilfried Skreiner organisierten Trigon-Biennale hat dieser Ort seinen sakralen Habitus abgelegt und eine opulente räumliche Sinnlichkeit angenommen. Im Sinne einer inszenierten Werkstatt realisierten KünstlerInnen aus Italien, Jugoslawien und Österreich ihre raumgreifenden Vorstellung zum gestellten Thema Ambiente. Die organische Bausprache bewirkte dabei ein bewegtes Fließen der Grenzen von Innen und Außen.

Einer wollte dem Haus Wunden schlagen, das Image der Kultstätte ankratzen. Beim umgestülpten Handschuh blieb es. Aber das gestützte Eisenband fließt jetzt als rote Kraftlinie aus. Ein abstraktes Moment, ein Zeichen, ein Schwenk ins Offene und Öffentliche.

Kritik an der Austauschbarkeit musealer Kunst? Eher ein Denk-Mal. Denn das Offene und Offenlassende, der eingrenzbare, im Grunde nicht beschreibbare Raum definiert die Kraftfelder der Kunst. Peter Sloterdijk sagt, zur Kunst können nur Tätigkeiten gehören, die etwas so herstellen, dass es im Offenen steht…

Text von Horst Gerhard Haberl

Teilnehmende KünstlerInnen:
Peter Janach
Doris Jauk-Hinz
Erwin Lackner
Gerhard Lojen
Hans Kuhness
Stefan Maitz
Gernot Pock
Klaus Reisinger

Dokumentation:
Katalog