1994 Erwin Lackner

Erwin Lackner, „Strichflächen“
Personale, Künstlerhaus, 1994

 

Arbeiten aus den Jahren 1993/94

Betrachte ich die Arbeiten Erwin Lackners der letzten Zeit, muss ich unweigerlich an Werke der konzeptionellen Kunst denken, für die ja kennzeichnend ein äußerstes zurücknehmen, Reduzieren ist, ein Entwerfen von in sich geschlossenen Systemen bzw. Bildwelten ohne Aussage über etwas anderes als sich selbst. Weder soll hier abgebildet noch „geschildert“ werden. Ein Bewusstmachen des spezifischen Umgangs mit Farbe und form, Strich und Fläche, kann dadurch erfolgen. Es gibt konzeptionelle KünstlerInnen, für die letztendlich nur mehr die gedanklich-assoziativen Prozesse in der Vorstellung des Betrachters als Endergebnis bzw. „Kunst-Werk“ interessant sind. Und so weit weg davon sind wir hier nicht: Durch das Aufmerksamwerden auf den Strich und seine Gerichtetheit nämlich, auf seine Farbe und Qualität, ohne Ablenkung durch Assoziationen auf Begriffliches, durch Motiv- oder Sinnsuche, findet eine Auseinandersetzung im Betrachter statt – muss sie stattfinden. Vor dem Bild stehend, sieht man sich in seinem Schauen beschränkt auf Flächen, auf Quadrate, Rechtecke, mehr oder weniger ausgefüllt, erfüllt von gleichmäßigen Strichen, und wo die Fläche von den Strichen nicht gefüllt ist, tut das der Betrachter automatisch in seinem Kopf, ergänzt er die freien Flächen.

Grafisch wirken die Muster auf den ersten Blick, beschränken sich auf zwei Dimensionen, bleiben in der Fläche, erzeugen Tiefenwirkung ab und zu, unbeabsichtigt vielleicht sogar, wie es manchmal scheint, allein durch ihre Farbigkeit oder Helligkeit. Etwas Teppichhaftes fällt mir dabei auf, Horizontale und Vertikale, die miteinander spielen und verschiedenste Muster erzeugen, archaische Ur- und Grundformen eigentlich des textilen Bereichs.

Lackner verwendet viel Grau, bleibt überhaupt gern monochrom und spielt diverse Varianten konsequent durch. Das meditative Element ist ihm wichtig. So gibt es ein Braun neben dem Grau; selten ein warmes Rot, eher schon ein Rotbraun, ein gedämpftes Olivgrün. Durch seine Farbigkeit ins Auge stechend ist einzig das dunkle kalte Blau, ein Kobalt- oder Zyanblau, das eine ganz eigene und starke Kontrastwirkung zu den übrigen, eher gedämpften, in sich ruhenden oder harmonisierenden Farben zeigt. (Auffällig und mich persönlich beeindruckend sind die beiden großen Tafeln in der Kombination Schwarz-Orange bzw. scharfes Ocker.)

Der Strich, die einzelnen Striche wirken durchwegs locker oder dünn, in ihrer Struktur seltsam gebrochen und unregelmäßig, wie „gesiebt“. Nicht Tatsachen, klare, scharfe, abgegrenzte Fakten, sondern Gefiltertes soll also entstehen; Lackner sagt selbst, er sei mit dem Strich „unglücklich“, wenn der „zu direkt“ käme. Dass ein gemalter Strich aussehen kann wie gedruckt, fasziniert ihn.

Er kämpft mit seinem Strich. Stundenlang, bei den Goldberg-Variationen, die ich jedes Mal hören kann, wenn er ans Telefon kommt. Er schaut sie immer wieder, immer neu an, seine „Strich“, „wie beim Aufwärmen ein Sportler“, „ – um das Gefühl zu kriegen!“, das Gefühl für den Strich.

Er setzt jeweils zwei gleiche Blätter nebeneinander. Die gleiche Zahl von Strichen, das gleiche Muster, die gleiche Farbe – aber nicht der gleiche Strich! Denn es handelt sich eben um gemalte, nicht gedruckte oder kopierte Striche. Nur auf den ersten Blick sehen die Paare aus wie Original und Kopie. Aber sie sind nicht „geklont“, sie sind, wenn wir auf der genetischen Vergleichsebene bleiben wollen, eher Zwillinge. Und als solche eineiige. Dass sie als Paar auftreten, ist ihm wichtig. So sollen die Bilder auch hängen, sagt er mir schon früh zu seinen Arbeiten. Immer zu zweit. Als Paar.

Die Größe, das Format ist wichtig, die verschiedene Behandlung der Bildfläche. Eher grafisch-zeichnerisch wirken die kleineren Bilder; die großen bewirken durch Struktur und Textur, zusätzlich auch durch ihre genau bemessene „Rahmung“, durch den leeren weißen Bildraum rundum, eine Konzentration auf die Strich-Flächen als gerahmte Tafelbilder, verfremdet und seltsam betont noch durch ihre „Zwillingshaftigkeit“.

Übrigens ist dieses Motiv des Zwillings befrachtet mit symbolischer Geschichte und Bedeutung: als Personifizierung im Tierkreiszeichen wohl jedermann geläufig, sind die Zwillinge als „entweder gleichgestaltig oder gleichfarbig“, „Symbol der Dualität in der Identität, der inneren Gegensätze des Menschen, der von einem höheren Standpunkt aus gesehenen Einheit…des Gleichgewichts und der Harmonie“ (Herder Lexikon Symbole). Diese Deutung geht aber vielleicht zu weit und sei nur eine persönliche Assoziation am Rande.

Lackner geht es vor allem um sein Konzept, einen ganz bestimmten Plan, der zu tun hat mir Ästhetik, Aufbau, Form und Farbe.
Auf jeden Fall wird man sich bei dieser Ausstellung – das nehme ich als sicher an – um konfrontieren mit seinen Strichen, mit dem Strich an sich überhaupt, sei es nun in kontemplativ-meditativer oder eher kunsttheoretischrationaler Manier. „Zwischen den Strichen“ ist genug Frei-Raum dafür.

Text von Andrea Wolfmayr